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veröffentlicht am 14.02.2018

Das blaue Wunder

Die antarktischen Ozeane pulsieren vor Leben. Doch sie sind in Gefahr - rücksichtslose Industrien bedrohen das zerbrechliche Ökosystem. 2018 könnte das Jahr der Entscheidung für sie werden.

Von Gerfried Panovsky


Tiefblau ist die Strömung, die sanft die dichten braunen Blätter streichelt. Ein Sonnenstrahl durchdringt einen rosaroten Nebel aus kleinen Krebstieren, bevor er am Boden das satte Orange eines vielarmigen Sterns berührt. An seinem Ursprung, wo ein Glitzern die Oberfläche verrät, sind die gelben Füßchen eines großen Schwimmvogels sichtbar. Und dann fällt ein Schatten über die Szenerie: Wie eine Wolke schiebt sich ein gewaltiger Körper vor die Sonne und pflügt durch die Schwärme der Krebstierchen, um sich zu sättigen.

Ist diese fantastische, bizarre Welt einem Traum entsprungen? Oder stammt sie aus einer fernen Galaxie? Nein, sie ist auf unserer blauen Erde, in einem Gebiet, bei dem viele eher an eine lebensferne Eiswüste denken würden: dem Weddell-Meer im antarktischen Ozean. Trotz Eiseskälte, trotz Düsternis für Monate ist dieses Gebiet ein reiches Aquarium voller Leben. Hier gibt es über neuntausend Spezies, vom winzigen Krill über Pinguine bis zum mächtigen Blauwal. Der Meeresboden ist dort prall vor Leben, mit bis zu 155.000 Tierchen pro Quadratmeter. Oft ist er von ganzen Wäldern aus Braunalgen bedeckt. In seinen Tiefen jagt der mythische Riesenkalmar, ein bis zu 13 Meter langer Tintenfisch mit Schnabel, zehn Armen und Augen groß wie Teller. Dies ist alles andere als eine Eiswüste, es ist ein reiches Ökosystem.

Unser aller Naturwunder

Doch wem gehören diese Wunder? Welches Hoheitsgebiet durchstreifen diese vielfältigen Wesen? Die Antwort gibt Hannah Knust, Antarktis-Kampaignerin bei Greenpeace: „Wie die Hälfte des Planeten befindet sich der antarktische Ozean außerhalb von Staatsgrenzen. Er gehört niemandem – und damit uns allen.“ Doch genau das ist auch das Problem. Denn wo kein Staat existiert, dort gibt es keine Kontrolle. Dort gibt es keine Quoten für Fischfang. Und dort gibt es daher auch keine Vernunft, sich nur zu nehmen, was das Ökosystem verkraften kann. Denn diese Gebiete sind das Ziel der Fischflotten großer Konzerne. Sie arbeiten sich mit industriellen Mitteln am Ozean ab, schneiden durch Fischschwärme wie Sensen durch Gras.


Es betrifft uns alle

Die Ozeane aber sind komplexe Systeme – und viel empfindlicher, als ihre Größe vermuten ließe. Ein vermeintlich kleiner Eingriff kann die ganze Nahrungskette beeinflussen und beeinträchtigen. Und ein Verlust der großen Tiere an ihrer Spitze kann auf die Basis zurückfallen: So haben Forscher erst vor wenigen Jahren erkannt, dass Wale, die größten Tiere, welche die Erde je gesehen hat, dabei helfen, das Meer zu düngen. Sinkt die Zahl der Wale, steigt nicht etwa die Menge der Tiere, die sie vorher in unglaublichen Mengen gefressen haben (ein Buckelwal etwa braucht bis zu vier Tonnen Fisch und Krill pro Tag); sie sinkt, weil das Phytoplankton, von dem sich der Krill ernährt, nicht mehr gedüngt wird. Die Zusammenhänge sind vielschichtig. Und sie sind global.

Hannah Knust: „Die Ozeane bilden ein zusammenhängendes System, das eine Schlüsselrolle im globalen Klimasystem spielt: Warmes Wasser aus den Tropen strömt in die Polarmeere, wo es wie in einem Wärmetauscher gekühlt wird, bevor es wieder Richtung Äquator fließt. Besonders wichtig für diese sogenannte thermohaline Zirkulation sind die Ozeane der Antarktis.“ Die Ozeane sind aber auch die größten CO2-Speicher des Planeten – solange sie gesund sind. Geraten sie aus dem Gleichgewicht, so können sie diese Rolle nicht mehr wahrnehmen. Wollen wir die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels verhindern, ist es entscheidend, sie gesund zu halten. Und hierfür brauchen wir Meeresschutzgebiete.

Zuflucht schaffen

Meeresschutzgebiete sind durch internationale Verträge geschützte Bereiche, in denen menschliche Aktivitäten eingeschränkt sind. Sie sind ein wesentlicher Teil der weltweiten Bestrebungen, die Meere intakt zu halten. Ein Beispiel ist das erste Meeresschutzgebiet der Antarktis im Rossmeer: Nach zähen Verhandlungen über fünf Jahre einigten sich die 24 Mitglieder der Antarktiskommission 2016 darauf, in einem Gebiet von 1,5 Millionen Quadratkilometern (in etwa die Fläche Deutschlands, Großbritanniens und Frankreichs zusammengenommen) jegliche Fischerei zu verbieten. Wegen des Widerstands großer Fischereinationen bleibt der Schutz allerdings vorerst auf 35 Jahre beschränkt.

2018 bietet sich aber eine noch größere Chance. Hannah Knust: „Im Oktober wird die Antarktiskommission darüber beraten, das Weddell-Meer an der Küste der Antarktis zum Meeresschutzgebiet zu erklären. Bis dahin muss es uns gelingen, die Weltöffentlichkeit vom Schutz dieses Naturjuwels zu überzeugen.“ Dieses Schutzgebiet wäre das größte bisher eingerichtete weltweit; seine 1,8 Millionen Quadratkilometer entsprächen der zwanzigfachen Fläche Österreichs. Wird es erschaffen, hat die Tierwelt eine Chance, sich zu erholen. Die bedrohten Kolonien von Pinguinen könnten ihre Brutzeit unbeschadet überstehen. Auch für die größten Meeressäuger ist der Schutz dringend notwendig: „Als der kommerzielle Walfang 1985 verboten wurde, war nur noch ein Zehntel der Buckelwale am Leben. Die Bestände haben sich noch immer nicht vollständig erholt“, so Hannah Knust.


(Ant-)Arctic Sunrise

„Greenpeace wird nicht zusehen, wie die Schätze der Meere der Kurzsichtigkeit einer rücksichtslosen Industrie geopfert werden. Wir haben die Antarktis schon einmal gerettet, als wir 1992 den Schutz der Landmasse erreicht haben. Wir werden auch ihre Meere nicht im Stich lassen.“ Um zu zeigen, welche Gefahren drohen und welche Wunder der Welt für immer verloren gehen könnten, ist die „Arctic Sunrise“ derzeit im Weddell-Meer unterwegs, um mit ihrer Besatzung aus AktivistInnen, SpezialistInnen und ForscherInnen das mysteriöse, weitgehend unerforschte Meer zu untersuchen.

An Bord ist gerade auch Sandra Schöttner von Greenpeace Deutschland. Die Meeresbiologin nahm bereits vor der Küste der Antarktischen Halbinsel Schneeproben, um diese auf die schädlichen PFC-Chemikalien zu untersuchen. Greenpeace konnte diese Stoffe bereits an anderen entlegenen und vermeintlich unberührten Orten in China, Russland und Skandinavien nachweisen. Tierstudien belegen, dass einige PFC die Fortpflanzung hemmen, das Wachstum von Tumoren fördern und das Hormonsystem beeinträchtigen.

Mit dem Greenpeace-U-Boot ging es auch schon auf einen Tauchgang zum Meeresboden nahe der Brabant-Insel: „Unglaublich viel Leben da unten!“, sagt Sandra Schöttner aufgeregt. „Korallen, Seesterne, Seegurken. Eine Seespinne habe ich auch zum ersten Mal gesehen. Es hat mir ganz deutlich gezeigt, dass wir dieses sehr empfindliche Ökosystem schützen müssen.“ Was wird die „Arctic Sunrise“ auf ihrer Reise noch finden? Wir werden Sie in den nächsten Monaten darüber auf dem Laufenden halten – und über die Bewegung für das größte Meeresschutzgebiet der Welt. Denn der Schutz der Meere beginnt heute, und er beginnt in der Antarktis.