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veröffentlicht am 23.05.2018

Für wen optimiert?

EU-Lobbyist und Unternehmer Sepp Eisenriegler im Gespräch über Industrie-Schmähs, wachstumsgetriebenen Kapitalismus, warum unsere Elektronikgeräte immer kurzlebiger werden und wie Konsum nach der grenzenlosen Verschwendung von Rohstoffen aussehen kann.

Gespräch: Stefan Kerschbaumer

Greenpeace kämpft nicht nur in bedrohten Ökosystemen für einen gesunden Planeten sondern auch in der elektronischen und digitalen Welt. Denn Technologiekonzerne wie Microsoft, Samsung und Co. haben einen enormen Bedarf an Energie und Rohstoffen. Ein Verbündeter in diesem Bereich ist Sepp Eisenriegler. Er kämpft bereits seit Jahrzehnten gegen die verschwenderischen Auswüchse der Wegwerfkultur und für die Rechte von VerbraucherInnen in Österreich und ganz Europa. Als Lobbyist auf EU-Ebene ebenso, wie als Unternehmer mit seinem 1997 gegründeten Reparatur- und Service-Zentrum (R.U.S.Z.) in Wien Penzing.

Was kann man bei euch im R.U.S.Z. alles reparieren lassen?

Also, wir reparieren alles, was mit Strom betrieben wird. Das heißt alle Formen der Elektro- und Elektronikgeräte, von der Waschmaschine bis zum Tablet.

Wie viele Geräte repariert ihr pro Tag?

Ich weiß, dass wir im Jahr an 200 Arbeitstagen 9000 Reparaturen durchführen. Also 45 Geräte pro Tag! Das gilt jetzt aber nur für unseren Service in Wien. Seit 2018 sind wir nämlich auch mit einem Shop in Graz vertreten. Es gibt da offensichtlich ein Bedürfnis in der Bevölkerung und wir wollen unser Modell auch in andere Regionen tragen.


Ist „geplante Obsoleszenz“ – also die absichtliche Verkürzung der Lebensdauer von Produkten – nicht eigentlich illegal?

Illegal ist das nur in Frankreich. Ein Problem besteht darin, dass es eben schwer nachzuweisen ist, dass da tatsächlich und absichtlich ein Teil verbaut wurde, das nach einer bestimmten Zeit bricht. Die VertreterInnen der Industrie sagen: Das ist nur eine „optimierte Gebrauchsdauer“. Für wen optimiert, kann man sich dabei denken. Dass die durchschnittliche Nutzungsdauer bei allen Elektrogeräten ständig geringer wird bestreitet allerdings niemand. Wir machen ja auch laufend Tests und haben bei Waschmaschinen festgestellt, dass jedes einzelne Gerät schlechter war als ihr eigenes Vorgängermodell. Also es ist eindeutig, dass wir heute nicht-regenerative Ressourcen verschwenden um immer kurzlebigere Produkte in den Markt zu drücken. Und das liegt nicht an irgendeiner Firma die besonders böse ist, sondern an unserem Wirtschaftssystem. Die wachstumsgetriebene Form unseres Kapitalismus auf gesättigten Märkten führt dann eben zu solchen Blüten. Damit werden einerseits Ressourcen auf Kosten der nächsten Generationen verschwendet und andererseits KundInnen, die meinen billige Geräte zu kaufen, abgezockt. Eine neue Waschmaschine um 300 Euro ist planmäßig nach drei Jahren kaputt und nicht-reparierbar, weil sie so designt ist. Das heißt ich brauche, um 20 Jahre saubere Wäsche zu haben, sieben von diesen Waschmaschinen, sprich 2100 Euro. Um 900 Euro kriege ich aber schon eine Miele, die eben sowieso diese 20 Jahre hält. Also diese billigen Geräte gibt es nicht.

Paradigmenwechsel

Auf eurer Homepage las ich, dass sich die EU-Kommission 2015 mit einem Aktionsplan offiziell von der kapitalistischen Marktwirtschaft verabschiedete, zugunsten langlebiger, reparaturfreundlicher Produkte. Wie muss ich mir das konkret vorstellen?

Ich war selbst als Lobbyist in Brüssel tätig und habe die EU-Kommission mit Fragen zu unserem Umgang mit nicht-regenerativen Rohstoffen gelöchert. Es ist ja interessant, dass Rohstoffe, die immer weniger werden, vom Preis her nicht viel teurer werden, oder? Und dann gibt es internationale Konzerne und Konsortien, die natürlich profitorientiert sind und mit irgendwelchen korrupten Staatschefs oder Warlords Deals aushandeln, um billig an diese seltenen Erden, Mineralien, Erze, etc. zu kommen. Denen ist es egal, wie das geschieht, welche Giftschlacken dabei entstehen, was mit den Kindern geschieht, die in Erdlöchern nach Coltran suchen, ob diese Kinder überhaupt wieder aus diesen Löchern rauskriechen und so weiter. Es gibt keine Arbeitssicherheit, keine Pensionssysteme, Krankenversicherungen, es gibt gar nichts. Das kann und darf so nicht weiter gehen und nach vierzig Jahren urgieren hat das auch die EU-Kommission erkannt. Dass es überhaupt zu solchen Entschlüssen kommt, ist natürlich auch zivilgesellschaftlichen Initiativen zu verdanken, zuvordererst Greenpeace.

Und woran erkenne ich als Konsument diesen Paradigmenwechsel?

Also dieses Konzept der zirkulären Wirtschaftsweise schaut sich die gesamte Wertschöpfungskette an und optimiert sie. Von der Rohstoffgewinnung, über das technische Design, die Langlebigkeit, Reparierbarkeit und Wiederverwendbarkeit bis hin zu einem besseren stofflichen Recycling um möglichst viel dieser Materialien noch einmal als Sekundär-Rohstoffe einsetzen zu können. Auf der Informationsebene soll es in Zukunft neben dem Energieeffizienz-Pickerl Auskunft über die durchschnittliche Nutzungsdauer des Gerätes geben. Auch die Reparierbarkeit des Gerätes und die Ersatzteilverfügbarkeit dafür sollen ausgeschildert werden. Allgemein wird es in Richtung Mietgeräte gehen, so ähnlich wie wir das heute schon von Carsharing kennen. Was natürlich ein weiterer Anreiz ist, Produkte so zu designen, dass sie nicht nach kurzer Zeit kaputtgehen, da diese ja im Besitz der Firma bleiben.

Wenn man das aber konsequent weiterdenkt, würden dann nicht ganze Volkwirtschaften, vor allem in Asien, zusamnmenbrechen? Schließlich ist die Produktion in diesen Ländern ja genau auf diese Verschwendung von Gütern ausgerichtet.

Ich glaube nicht, dass sie kollabieren werden. Sie werden sich umstellen. In einem ersten Schritt wurden jetzt Normen geschaffen, die eingehalten werden müssen, um Produkte auf dem EU-Markt verkaufen zu dürfen. Darauf wird in der Ökodesign-Richtlinie Bezug genommen, die ja derzeit noch eine reine Energieeffizienz-Richtlinie ist. Und dann gibt es eine lange Übergangsfrist, damit sich auch die großen Hersteller und Importeure außerhalb der EU auf dieses neue Geschäftsmodell einstellen können. Also diese Volkswirtschaften werden ihr Modell dahingehend ändern müssen, dass sie nicht am Verkauf von kurzlebigen Produkten, sondern an der Vermietung von langlebigen, reparatur-freundlich designten und wiederverwertbaren Produkten verdienen. Das passt ins Schema der zirkulären Wirtschaftsweise, aber damit lässt sich auch ein Geschäft machen. Wobei ich darauf hinweise, dass diese Art der Wirtschaft auch nicht mein Traum ist, weil sie ja nach wie vor wachstumsgetrieben funktioniert. Was wir brauchen, ist eine Post-Wachstums-Gesellschaft, aber die ist politisch nicht umsetzbar. Zumindest noch nicht.

Nach der Verschwendung

Und wie wird das politisch anschlussfähig?

Ich sehe zwei Wege. Keine/r der 200 Industrie-LobbyistInnen denen ich in diversen Normungsgremien auf EU-Ebene gegenübersitze, denkt heute noch daran, dass der Prozess hin zum Post-Wachstum verhinderbar ist. Was sie machen ist, etwas Sand ins Getriebe zu streuen und die Entwicklung etwas zu verlagsamen. Eben das alte System aus Ausbeutung, Besitz und Verschwendung solange wie möglich auszuschlachten bevor man sich ändern muss. Aber dass da ein unumkehrbarer Prozess im Gange ist – dem wird niemand widersprechen. Denn wo ginge die Entwicklung denn hin? Linear weitergedacht, kämen wir sonst ja irgendwann bei einem Zustand an, wo ich Produkte nur noch kaufe – auf Impuls der Werbeindustrie – um sie direkt zuhause wegzuwerfen. Und gerade wir in der EU haben diesen Paradigmenwechsel nötig, weil kein anderer großer Wirtschaftsraum der Welt so abhängig von Rohstoffexporten ist wie wir. Viele dieser Rohstoffe kommen aus politisch instabilen bis undemokratischen Ländern, die fragwürdige Handelspartner darstellen. Um Sicherheit in der europäischen Rohstoffversorgung zu haben, ist es also ökologisch, ökonomisch und politisch vernünftig, diese Abhängigkeiten abzubauen und die Rohstoffe in einem Kreislauf zu führen. Eine Zero Waste Vision wenn man so will.

Muss sich am Konsumverhalten der Menschen auch etwas ändern?

Das Konzept von materiellem Eigentum zu überkommen, wird definitiv eine Herausforderung am Weg zu einer effizienteren Nutzung unserer Rohstoffe. Wenn ich zum Beispiel in Wien ein Auto brauche, dann hole ich mir das über eine App auf meinem Smartphone, lasse es danach wieder stehen und habe keine weiteren Verpflichtungen. Es gibt überhaupt keinen Grund – in der Stadt – ein Auto zu besitzen. Und das ist eigentlich die große Trendwende für mich, die sich langsam auch in anderen Bereichen manifestieren wird.

Vielen Dank für das Gespräch! Abschließend finden sie noch eine weiterführende Dokumentation des ORF zum Thema Geplante Obsoleszenz - viel Vergnügen!