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veröffentlicht am 15.11.2017

Lärmbelästigung in der Arktis

Von Gerfried Panovsky

Jahrhundertelang konnte die Inuit-Gemeinde von Clyde River im Einklang mit der Natur leben - bis die Ölindustrie kam und dem kleinen Ort die Lebensgrundlage zu nehmen drohte.


Karg ist das Leben im äußersten Norden Kanadas. Einfache Nahrungsmittel kosten in der strukturell benachteiligten Region ein Vielfaches von dem in den großen Städten; 60 Prozent der Kinder der Provinz Nunavut leben in Haushalten, die von Nahrungsunsicherheit betroffen sind. Die Inuit auf Qikiqtaaluk, auch Baffin-Insel genannt, fahren mit ihren kleinen Booten aufs Meer und entnehmen ihm gerade das, was sie zum Überleben brauchen. Nicht nur wegen der Nahrungsknappheit, sondern auch weil die Fischerei und Jagd unabdingbare Teile ihrer Gesellschaft sind. Diese seit Jahrtausenden kultivierte Lebensweise könnte die kleine Gemeinde in der Arktis gewissenhaft und nachhaltig versorgen.

Die Invasion der Ölsucher

Doch 2014 wurde plötzlich bekannt, dass die nationale Energiebehörde Kanadas die Ölsuche mittels seismischer Untersuchungen in der Baffin-Bucht zwischen Kanada und Grönland genehmigt hatte – mit verheerenden Auswirkungen. Die Methode ist brutal: Auf Schiffen montierte Schallkanonen senden im Abstand weniger Sekunden Schockwellen ins Meer. Deren Lärm erreicht manchmal bis zu 260 Dezibel, achtmal so laut wie ein Jet. Die Schockwellen dringen in den Meeresboden ein und werden je nach Art der Gesteinsschicht unterschiedlich reflektiert – so lassen sich Ölvorkommen finden. Dieses „Seismic Blasting“ gehört gemeinsam mit Raketenstarts, Erdbeben, Vulkanexplosionen und Atombomben zu den lautesten Geräuschen überhaupt.

Der Lärm kann das Gehör von Meeressäugetieren schädigen und sogar komplett zerstören. Gerade Wale sind zur Orientierung auf ihre Ohren angewiesen. Ohne ihr Gehör verirren und verletzen sie sich. Manche fliehen panisch, andere verenden auch hilflos. Die Nahrungsversorgung der Inuit, ihre Tradition – auch das wäre damit alles dahin. Für die etwa 900 BewohnerInnen von Clyde River war klar: Sie mussten die Genehmigung anfechten. Dabei ging es nicht nur um sie alleine; die kanadische Verfassung sieht nämlich vor, dass indigene Gemeinden ausreichend zu Projekten auf ihrem Gebiet konsultiert werden müssen. Wenn sich die Energiebehörde einfach so darüber hinwegsetzen könnte, wäre das ein Rückschlag für ihre mühsam erstrittenen Rechte.


Little Community vs. Big Oil

Als Bürgermeister Jerry Natanine auf der Suche nach Unterstützung Greenpeace in Toronto anschrieb, folgte sofort eine offizielle Unterstützungserklärung. Das Büro stellte auch umgehend Rechtsberatung für die kommenden Prozesse zur Verfügung. Im Kampf gegen Big Oil sind aber wirklich alle gefragt, die nicht mehr hinnehmen wollen, dass Konzerne rücksichtslos über Mensch und Umwelt trampeln. In den nächsten Wochen rief Greenpeace also über soziale Medien dazu auf, „Lärmbeschwerden“ an den kanadischen Premier Justin Trudeau zu senden und kreativ ihre Solidarität mit Clyde River zu bekunden. Zehntausende folgten und machten das Anliegen eines kleinen Ortes, der abgelegener kaum sein könnte, weltweit bekannt. Plötzlich stand die Gemeinde nicht mehr alleine da. Der Erfolg stellte sich zwar nicht sofort ein – die erste Beschwerde wurde vor Gericht abgeschmettert –, doch der Widerstand wuchs. Und Clyde River brachte seinen Einspruch vor den Obersten Gerichtshof Kanadas. Und beim zweiten Besuch brachte das Greenpeace-Schiff „Arctic Sunrise“ auch gleich Solarpaneele mit, die nun dem Ort helfen, Energiekosten zu sparen.

Im Boden bleiben

„Clyde River zeigt, wie rücksichtslos die Ölindustrie vorgeht“, sagt Réka Tercza, Meeressprecherin bei Greenpeace. „Das fossile Zeitalter geht zu Ende, doch die Ölindustrie will die letzten Jahre nutzen – um jeden Preis.“ Die Wende zu erneuerbaren Energien ist nicht mehr aufzuhalten. Doch noch gibt es einige Ölvorkommen, an denen die Industrie verdienen will. Réka Tercza: „Wenn wir den Klimawandel eindämmen wollen, können wir es uns nicht einmal leisten, das bereits geförderte Öl zu verbrennen. Das Öl muss im Boden bleiben – und wir werden uns dafür einsetzen, dass dies auch geschieht.“ Der Weg dazu führt auch vor Gericht, wie in Kanada und Norwegen (siehe Seite 12), wo Greenpeace gegen die Pläne der Regierung, in der Arktis bohren zu lassen, klagt.

Im Juli schließlich kam die Entscheidung. Während draußen Hunderte noch einmal ihre Unterstützung für Clyde River demonstrierten, entschied das Oberste Gericht einstimmig – es widerrief die Genehmigung für die gefährlichen seismischen Untersuchungen. Die Existenzgrundlage Clyde Rivers war wieder gesichert. Nicht nur das: Bei künftigen Projekten müssen indigene Gemeinden von vornherein eingebunden werden.