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veröffentlicht am 14.02.2018

Rot wie Edelholz

Illegale Rodungen im Amazonas sind ein Problem - nicht nur für die Umwelt. In Brasilien tobt ein blutiger Kampf um jeden Quadratmeter. Wer nicht weicht, muss schlimmstenfalls mit dem Leben bezahlen.

Von Flora Eder


Tippt man mit dem Finger auf der Landkarte auf das Herz Südamerikas, landet man treffsicher in der Nähe der Gemeinde Colniza im mittleren Westen Brasiliens. Kerzengerade Straßen und im rechten Winkel angelegte Querungen schneiden hier eisenrote, lehmige Striche in die Landschaft. Das Gebiet ist dünn besiedelt, nur etwa 35.000 EinwohnerInnen leben hier inmitten einer der größten Naturschatzkammern weltweit: im Amazonas-Gebiet. 19. April 2017, ein gemütlicher Abend in Taquaruçu do Norte, einem Viertel von Colniza. Doch die ruhige Dämmerung trügt. Gleich wird hier eines der größten Verbrechen in der Geschichte der Gemeinde geschehen. Vier mit Messern, Macheten und Revolvern bewaffnete Männer machen sich auf den Weg in das Gebiet. Sie haben ein klares Ziel: so viele Leute wie möglich zu töten und zu terrorisieren. Neun Menschen werden an diesem Abend erschossen, zahlreiche weitere gefoltert.

Mord für Raubbau

Es handelte sich um ein Auftragswerk mit dem Ziel, die lokale Bevölkerung zu vertreiben und Zugang zu den Wäldern zu bekommen, in denen sie derzeit noch als Kleinbauern und -bäuerinnen leben. Zu diesem Schluss kommt der offizielle Report des zuständigen Ministeriums des Bundesstaats Mato Grosso. Es sind die Profite aus den begehrten Edelhölzern Ipe, Jatobá und Massaranduba, die diese Verbrechen nach sich ziehen. Der Amazonas ist der weltweit größte noch erhaltene Urwald und alleine in Brasilien das Zuhause von mehr als 20 Millionen Menschen. Zudem beheimatet er zwei Drittel aller an Land lebenden Tier- und Pflanzenarten. Schon ein Fünftel seiner Fläche ist zerstört.

Die Regierung versucht mit der Einrichtung von Schutzgebieten gegenzusteuern. Auch die Wohn- und Anbaugebiete der ansässigen Bevölkerung in Colniza sind keine offiziellen Rodungszonen. Doch das ist für den Schwarzmarkt kein Hindernis. Gefälschte Formulare lizensieren den Raubbau. Oft bestätigen sie fälschlicherweise, dass Holz von einem anderen Ort stammt, an dem bereits gerodet worden war. Die Behörden kontrollieren kaum; im Bundesstaat Pará werden gar 78 Prozent des Holzes an den Gesetzesauflagen vorbei gerodet. Auch in Mato Grosso liegt der Anteil bei über der Hälfte, ergab eine aktuelle Studie des Instituts Imazon.

Weltweite Blutspur

Das als „Massaker von Colniza“ bekannte Verbrechen soll im Auftrag von Valdelir João de Souza begangen worden sein. De Souza ist ein lokaler Unternehmer, der ein Sägewerk betreibt und Nutzhölzer in die ganze Welt verkauft. Abnahme findet er in den USA, der EU und in Japan. Er ist derzeit auf der Flucht vor der Polizei. Doch auch nach der Veröffentlichung des offiziellen Ministeriumsreports im Mai 2017 laufen seine Geschäfte ungebrochen weiter. Greenpeace dokumentierte zumindest elf Schiffsladungen Holz von seiner Firma zwischen Mitte Mai und Ende September 2017 mit dem Ziel USA – und vier weitere gingen nach Europa. Nichtsahnende KonsumentInnen weltweit werden damit zu KomplizInnen des blutigen Geschäfts.


Bevölkerung vertrieben

160 Kilometer und einen Bundesstaat weiter westlich befinden wir uns in Rondônia, einem weiteren von Abholzung bedrohten Gebiet des Amazonas. Hier liegt die Gemeinde Machadinho d’Oeste. Eine der zentralen Figuren der dortigen Holzindustrie ist uns bereits bekannt: Valdelir João de Souza. Und auch das Bild von Drohung, Einschüchterung und Gewalt ist dasselbe. Davon erzählt auch Antônio Fernandes. Er lebt seit seiner Geburt hier im Naturschutz-Reservat Castanheira. „Wir haben alles, was wir zum Leben brauchen. Trotzdem ziehen immer mehr Menschen weg. Sie haben die ständigen Kämpfe satt – und haben Angst um ihr Leben“, erklärt er. Sein Alltag ist geprägt von unangekündigten Besuchen illegaler Holzfäller. Auch sein Einkommen ist bedroht: Früher lebte er von den insgesamt 1.500 Gummibäumen in seiner unmittelbaren Umgebung und dem Latex-Abbau. „Doch seit zwei Jahren geht das nicht mehr – es ist einfach zu gefährlich geworden, den Wald zu betreten“, so Fernandes.

Wald schützen heißt Menschheit schützen

Alleine 2016 wurden in Brasilien 61 Menschen mit direktem Bezug zur Regenwald-Abholzung ermordet. Das ist die höchste Zahl seit 2003. Und 2017 dürfte diese Zahl sogar überschritten worden sein. Besonders stark betroffen ist, wie so oft bei Eingriffen in sensible Ökosysteme, auch die indigene Bevölkerung. Im Amazonas-Gebiet sind das viele verschiedene Gruppen, die dort seit Jahrtausenden leben, ohne die Umwelt auszubeuten wie internationale Konzerne und die kapitalistische Marktwirtschaft.

„Es ist ein dunkler Trend“, sagt Lukas Meus von Greenpeace Österreich. „In vielen Gebieten spielen Gesetze kaum noch eine Rolle. Es herrscht Korruption, und die Profite, die durch Holz sowie industrielle Landwirtschaft gemacht werden können, sind gewaltig.“ KonsumentInnen rät er daher, beim Holzkauf genau auf die Herkunft zu achten und regionales Holz zu bevorzugen. „Wir von Greenpeace werden aber auch in Brasilien nicht lockerlassen. Diesen Auftrag haben wir – nicht nur von der Umwelt, sondern auch von den Menschen vor Ort.“

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